Kommentar: Gamer gleich Killer? 26. April 2002, Erfurt: Der 19-jährige Robert S. erschiesst in einem Amoklauf 2 Schüler und einen Polizisten, bevor er sich selbst richtet. Vier Jahre danach liegt Deutschland wieder im Schockzustand: In Emsdetten stürmt Sebastian B. mit Sprengfallen am Körper, Rauchbomben und einer Vorderladerwaffe am 20. November 2006 die Geschwister-Scholl-Schule, schiesst auf mehrere Personen und richtet sich danach selbst.
Beide Amokläufer trugen illegal erworbene Waffen bei sich, beide spielten sogenannte „Killerspiele”. Killerspiele - so lautet die polemische Bezeichnung für Ego-Shooter wie Counterstrike, deren Verbote gewisse Politiker und Medien nach dem Amoklauf in Erfurt forderten. Dabei wurde durch Falschinformationen wie, dass im Spiel auf „Passanten” geschossen würde, dass das Töten von Großmüttern mit Kinderwagen „Extra-Punkte” bringe oder dass „Schulmädchen in kariertem Rock und Bluse” brutal eliminiert würden, viel Staub aufgewirbelt. Die Gaming-Community versuchte das Image einer gewaltverherrlichenden, perspektivlosen Gruppe junger Männer mit illegaler Waffe im Schrank loszuwerden, doch nach Emsdetten ist das Feuer wieder aufgeflammt. Erneut werden Forderungen nach einem „Killerspielverbot” hetzerisch in die Stille der Trauer hinausgerufen. Dabei werden die wahren Motive des Täters von Emsdetten übergangen. Zahlreiche Internetseiten, welche den Original-Abschiedsbrief von Sebastian B. online stellten, mussten ihn Tage danach wieder vom Netz nehmen. Kaum aus ermittlungstechnischen Gründen, sondern weil es den Politikern wohl nicht gefallen hat. Weil dieser Brief die aktuelle gesellschaftliche Situation aufs Schärfste verurteilt, weil er die wirklichen Gründe seiner Tat aufzeigt und weil darin nichts über Games steht. „Wenn man weiss, dass man in seinem Leben nicht mehr glücklich werden kann, und sich von Tag zu Tag die Gründe dafür häufen, dann bleibt einem nichts anderes übrig als aus diesem Leben zu verschwinden. (..) Ich hasse es, überflüssig zu sein. (..) Ich habe in den 18 Jahren meines Lebens erfahren müssen, dass man nur glücklich werden kann, wenn man sich der Masse fügt, der Gesellschaft anpasst.” Diese Auszüge aus dem Originalbrief (vgl. Heise.de) zeigen die Verzweiflung des Täters und Opfers. Seine Gewalt sei nicht grundlos, sie sei das Resultat einer achtungslosen und medienorientierten Gesellschaft, wie Sebastian B. sagte.
Unter dem Pseudonym ResistantX kündigte der Amokläufer in seinem Blog schon vor zwei Jahren seine Tat an. Im Jahr 2005 schreibt ResistantX: „ich hab beschlossen es zu lassen. ich weiss nicht ob es das wirklich wert ist, ich weiss nicht ob ich im endeffekt wirklich was erreichen würde, und verdammt nochmal weiss ich nicht wo man in DE vernünftige kniften herbekommt!
ich werde den rest meines lebens ein abgefuckter looser sein, und da mir alles egal ist bekomme ich auch keinen abschluss. das ist die hölle, wenn einem alles egal ist. ich mein; ich lerne nicht mehr, ich beteilige mich nicht mehr und...ich tue eigentlich gar nichts mehr ausser vor mich hinvegetieren. es ist die hölle auf erden.” Nun hat er es doch getan. Es hiess, er habe die Geschwister-Scholl-Schule als CS-Map (CS = Counterstrike) nachgebaut, um so „den Amoklauf zu üben”. Tatsächlich existiert eine Map einer Geschwister-Scholl-Schule, allerdings wurde diese nicht von ResistantX konstruiert, sondern ist ein Nachbau der Geschwister-Scholl-Schule in Melsungen von einem anderen Mapper namens Schlossherr. Laut neuesten Informationen soll unterdessen doch eine Map des Amokläufers auf Computern seiner Mitschüler gefunden worden sein. Sebastian B. soll jedoch kein Interesse am Spielen von Counterstrike gehabt haben, sondern CS lediglich dazu gestartet haben, um die Lauffähigkeit seiner eigenen Maps zu testen, was man in folgendem Auszug aus einem Eintrag in ein Internetforum lesen kann: „03.02.2006, 14:45 Uhr - ResistantX
(..) 2. Spiele ich nicht CS, sondern mappe nur! (Natürlich teste ich sie in CS)” Interessant ist auch folgende Information des Gamingportals „Counterstrike.de”: „Laut Pressemitteilungen war Counterstrike.de eine der Hauptanlaufstellen für ResistantX und fester Teil der CS-Community. Hierzu muss man feststellen, dass vom besagten Täter weder ein Thread, noch ein Post erstellt wurde und er demnach kein fester Bestandteil der CS Community auf Counterstrike.de war.
In den Serverlogaufzeichnungen unserer Gameserver befinden sich bis zum Jahr 2002 keine Einträge über den Nicknamen ResistantX.” Kurz und klar: Medien verbreiten Falschinformationen, Politiker stiften mit der einseitig geführten „Killerspiel”-Diskussion Unklarheit und Counterstrike, ein im Vergleich zu anderen Egoshootern surrealistisches und nur daher schon nicht fürs „Amoklauftraining” geeignetes Game gerät ins Kreuzfeuer. Im Zusammenhang mit dem Amoklauf von Emsdetten sah der Kriminologe Christian Pfeiffer in einem Interview („Schule erzeugt Verlierer”) der Zeitung „Tagesspiegel” den Hauptgrund von Amokläufern nicht etwa in „Killerspielen”, sondern im deutschen Schulsystem:
„Unser Problem ist, dass unsere Schule zu sehr auf Wissensvermittlung setzt und zu wenig auf soziales Lernen. (...) Schon bei der frühen Aufteilung der Kinder auf Hauptschule, Realschule oder Gymnasium sind wir auf einem falschen Kurs, weil die Hauptschüler zu diesem Zeitpunkt schon mitgeteilt bekommen, dass sie Verlierer sein werden.” Es gibt bisher keine unabhängige Studie, die eindeutig beweist, dass Egoshooter-Gaming ein erhöhtes Gewaltpotenzial bewirken kann.
„90% aller Amokläufer spielen Computerspiele. 100% aller Amokläufer essen Brot. Verbietet Brot!”
Diese Aussage aus einem Gamingforum nach dem Amoklauf von Erfurt scheint auf den ersten Blick vielleicht etwas provokant, trifft jedoch genau den Kerngedanken dieses Artikels: Warum sollte man Millionen von Computerspielern das Spielen von Games verbieten, nur weil zwei von ihnen Amokläufer sind und die Gründe für ihre grausamen Taten wahrscheinlich nicht im Gaming liegen? Zusammen mit vielen anderen klar denkenden Menschen und Gamern wünsche ich mir, dass mit der „Killerspiel”-Debatte nicht von den eigentlichen Gründen für den Amoklauf abgelenkt wird. Gamer ist nicht gleich Killer.
Kommentare/Trackbacks lesen1) DaBone aka XIII schrieb am 21.3.2007 um 22:06 Uhr:
Super Beitrag! Gratulation Flex! ^^ | 2) flex schrieb am 21.3.2007 um 22:14 Uhr:
Herzlichen Dank DaBone. Ich weiss zwar nicht, wer meinen Artikel aus dem Archiv der gelöschten Artikel wieder ausgegraben hat, aber herzlichen Dank demjenigen.=)
Falls jemand jetzt sagen möchte, das ist die Meinung eines Gameabhängigen, möchte ich nur schon im Voraus darauf hinweisen, dass ich seit letzten Jahres das Gamen aufgegeben habe.
gruss
flex | 3) DJH schrieb am 21.3.2007 um 22:15 Uhr:
Sehr treffend formulierter Artikel!
Es gibt zwar Spiele, die wirklich extrem sind, was das "abschlachten" angeht, doch die sind in Deutschland ohnehin auf dem Index. Gerade dass Counter-Strike immer als das "Vorzeige-Killerspiel" verwendet wird, verwirrt mich etwas - denn das Spiel ist, verglichen mit dem, was bei einigen auf dem PC läuft (auch z. T. indiziertes), durchaus als "milde Kost" zu verstehen. Ich vermute mal, die Medien haben sich darauf gestürzt, weil es so verbreitet ist. Klar gehört sich das meiner Meinung nach nicht in die Sammlung eines zwölfjährigen - aber das ist hier gar nicht das Thema.
(Als Anmerkung vielleicht: Ich bin an sich kein Fan von Ego-Shootern, da mir das Spielkonzept an sich nicht taugt - ebensowenig fesseln mich auch Rollenspiele. Ich habe CS vor einigen Jahren ein einziges Mal gespielt.)
Mir fallen dazu noch zwei Gedankengänge ein:
1. So hart es klingt: Hätte Sebastian B. sich nicht am PC "austoben" können, so wäre er vielleicht in den Schützenverein und hätte den Umgang mit reellen Waffen gelernt, und der Amoklauf hätte ein noch schlimmeres Ende gehabt.
2. Politik hallo? Erst bis 18 den virtuellen Umgang mit Waffen aufs schärfste unterbinden, weil das potentielle Amokläufer schafft, und mit 18 dann ab in Grün-Olive, ne echte Waffe in die Hand und auf gehts zum üben für den Kriegsdienst. Da hakts doch. | 4) zombie3456 schrieb am 21.3.2007 um 22:18 Uhr:
Erinnert mich irgendwie an mein Referat in der Schule über Bastian B.
Hoffe, dass auch durch deinen Artikel wieder n paar Leute, die vllt bisher net so viel mit dem Thema zu tun hatten, nachdenklich werden.
Aus der Revolution der Ausgestoßenen ist aber wohl nix geworden. War wohl vorherzusehen, da doch nur ein geringer Teil die Thematik irgendwie betrachten will und daher das Mobbing die armen Leute weiterhin treffen wird. | 5) brott schrieb am 21.3.2007 um 22:20 Uhr:
@JDH, Punkt 2:
Ja, da stimm ich dir zu...
Wie ich schon meinem Blog (www.bennorott.de/blog/ ) ein paar mal verlauten hab lassen:
Du bist sechzehn Jahre alt
Man muss dich schützen vor Gewalt,
Vor allem vor unglaublich vielen
Unsäglich bösen Killerspielen.
Doch zwei Jahre später dann,
Statt rumzuhängen stehst du stramm,
Statt weit geschnitten und lasziv
Trägst du braun gefleckt oliv.
Man zeigt dir, wie du richtig zielst
Mit Spitzentechnik und du spielst
Nicht mit Joystick, Maus und Browser
Doch mit Hi-Tech Marke Mauser.
Man ballert rum und schießt und rennt,
Beim Unreal-Balkan-Tournament.
Und dann spielst du, Dank Herrn Bush,
Counterstrike am Hindukusch. | 6) janis schrieb am 22.3.2007 um 12:46 Uhr:
So, ich bin auch der Meinung, dass es an den "Killerspielen" allein nicht liegen kann.
@brott:
schon mal daran gedacht, dichter zu werden? | 7) DJH schrieb am 22.3.2007 um 14:45 Uhr:
ah benno, bei dir war das Gedicht :D Ich wusste doch ich hab irgendwo mal eins gesehn ^^ Die Welt is klein... | 8) brott schrieb am 22.3.2007 um 23:27 Uhr:
Ne, das Gedicht ist leider nicht von mir ;-)
Hab ich selber mal im Net gefunden, Autor unbekannt.
Außerdem ist Dichter auch nicht sooo der zukunftsträchtige Beruf ;-) | 9) Lord of the Unknowns schrieb am 23.3.2007 um 13:29 Uhr:
Ich zogge zwar cs nur mal ab und zu (>asl einmal ime Monat) und mag solche ego-shooter nicht so besonders, doch finde ich die Diskussion über Killerspiele sinnlos. Wieviele Mörder/Vergewaltiger/Diebe/... lesen, sehen Fern, spielen mit (Klein)Kindern, surfen im Internet oder spielen Spiele am heimischen Rechner?
Die Probleme beginnen in der Umwelt der Personen, nicht in einer fiktiven.
DIe Politiker wollen nur durch eine unseriöse Kampagne, die auf bloßen Behauptungen fußt (der Begriff ist nochnichma definiert) von ihrem eigenen Versagen und dem Versagen der Bundesrepublik Deutschland in solcherlei hinsicht ablenken und eine verwundbare Minderheit radikal aus dem Weg schaffen.
Diese Minderheit heist PC-Spieler und lebt hauptsächlich in Wohnungen um sich auf das nächste Attentat vorzubereiten...
Also ehlich ich finds lächerlich... | 10) Mole schrieb am 24.3.2007 um 03:30 Uhr:
Auch Gratulation, super Sache und genialer Artikel. Hat Spass gemacht ihn zu lesen ;). | 11) BPhoenix schrieb am 18.5.2008 um 10:02 Uhr:
Fence die Links tuen nicht!
Der Artikel ist echt klasse. Tja dass wir total Inkompetente Schwachköpfe in unserem Bundestag sitzen haben sollte langsam jedem klar sein. Besonders Politiker wie Schäuble, Merkel und andere dieses Kalibers...
Helfen kann hier nur beim nächsten Gang zur Urne das Kreuzchen richtig zu setzen und andere Leute über gewisse Politiker und Parteien aufzuklären (je mehr desto besser) ... | 12) BPhoenix schrieb am 18.5.2008 um 10:34 Uhr:
Ausserdem wundert mich eines ganz besonders, es ist immer von Killerspielen die Rede, aber dass zum Beispiel die Amokläufer meistens in Schützenvereinen oder ähnlichem sind, davon redet keiner...
Und ganz besonders davon, dass jemand der keine Waffen hat auch keinen Amoklauf begehen kann, aber wo wären wir denn, wenn man hier in dem Land das 4. größter Waffenproduzent ist die Waffen einfach verbieten würde. Undenkbar wie viel Geld uns durch die Lappen gehen, die Toten sind ja nur nebensächlich...
Oder dass Deutsche Soldaten am Hindukusch zum Beispiel in der Regel von Deutschen Waffen ermordet werden...
Tja aber wie hat mal ein Beamter (will ich nicht näher nennen) behauptet, das Wasser wird knapp, daher muss Deutschland sich für den nächsten Krieg aufrüsten...
Hmm anscheinend sind Waffen hiefür besser geeignet als Wasseraufbereitungsanlagen oder es ist so wie der Beamte meinte, dass ich einfach nichts verstehe... | 13) Torben Fritsche schrieb am 17.6.2008 um 15:23 Uhr:
Zuviel Zeit?^^ |
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