Kolumne: Kriminalität in Second Life

Kommentare & Kolumnen   Admin Marko Stange    09.9.2007, 20:11 Uhr  

Gewalt ist keine Lösung, in Second Life schon?

Wie auch in anderen Spielen sind bewaffnete Auseinandersetzungen innerhalb von speziellen Bereichen in SL („Sandboxes”) durchaus erlaubt, bedauernswerter weise finden diese mittlerweile nun auch zum Beispiel als schnöder Überfall in ganz normalen Einkaufszentren der virtuellen Welt statt. Betroffene Spieler sterben zwar nicht, werden aber durch die Gegend geschleudert und im Extremfall in eine ganz andere Gegend teleportiert.

Hacker haben es sogar schon geschafft, künstliche Atombomben in SL einzuschmuggeln und ganze Landstriche in Übungsterrains für Ego-Shooter umzuwandeln. Dieses Szenario spricht für die vielen unbegrenzten Möglichkeiten von SL und fördert deren wirtschaftlichen Markt. Einige Akteure sehen Chancen für Schutzberufe wie Bodyguards und wollen Überwachungskameras und andere Schutzeinrichtungen an verängstigte Mitspieler verkaufen. Andere Spieler fordern hingegen Linden Labs aufgrund der allzu realistischen Entwicklung von SL abermals Korrekturen am Spiel vorzunehmen.

Neuerdings kommt es sogar zu politisch motivierten Demos und gewaltsamen Protestaktionen. Ende 2006 zur aktuellen französischen Präsidentschaftswahl eröffneten zum Beispiel die sozialistische Präsidentschaftskandidatin Ségolène Royal und der rechtsextreme Chef der „Front National“, Jean-Marie Le Pen, eigene Wahlkampfzentralen. Es kam wie im echten Leben natürlich zu einer Demonstration vor dem virtuellen Büro der rechtsextremen „Front National” von Le Pen, wogegen an sich nichts einzuwenden sein kann, wenn man freie Meinungsäußerung ohne Gewalt unterstützt. Trotz des vor dem Gebäude patrouillierenden virtuellen Sicherheitsdienstes flogen zwischen Anhängern Le Pens und linksgerichteten Demonstranten der Spielwelt die Fetzen. Die Protestler hängten ein Plakat auf, in dem das Recht zur freien Meinungsäußerung verteidigt und den Rechtsextremen unter die Nase gerieben wurde, dass sie nicht das Recht hätten, andere herabzusetzen und die friedliche Nachbarschaft zu stören.

Ist es nicht real und paradox zu gleich, wenn man überlegt, dass sich friedliche Demonstranten beim Mittel Gewalt bedienen müssen, um sich Gehör und Nachdruck zu verschaffen? Wozu gibt es diese ominösen „virtuellen Sicherheitsdienste“, wenn sie nicht effektive und reale Arbeit leisten oder es keine Konsequenzen wie in der Realität gibt?

Krieg und Terrorismus greifen liberale Organisationen jetzt virtuell an?

Bombenanschläge, Schießereien und organisiertes Verbrechen, laut zahlreichen Medienvertretern ist SL eine „Brutstätte des Bösen“. Die australische Zeitung „The Australian” setzt dem ganzen die Krone auf und behauptet, dass internationale Terroristen im Spiel ihre Aktionen trainieren sowie virtuelle Gruppen den Sturz bislang nicht genannter Regierungen planen. Zudem sollen via Linden-Dollar heimliche Geldtransfers abgewickelt und SL als Propaganda-Werkzeug benutzt werden, um neue Gotteskrieger zu rekrutieren.

Tatsächlich beträgt die Anzahl derartiger virtueller „Anschläge” bislang bestenfalls ein halbes Dutzend. Der spektakulärste war bisher die Sprengung der ABC-Insel. Das Eiland des amerikanischen TV-Senders ABC konnte zwar binnen Stunden wiederhergestellt werden, einen Schuldigen fand man bis dato aber nicht. Derartige Aktionen werden stets in Zusammenhang mit der „Second Life Liberation Army” (SLLA) gebracht. Die SLLA demonstriert gegen die vermeintliche „Herrschaft” von Linden Lab, zieht nebenbei auch gegen die Kommerzialisierung des Spiels durch Firmen-Präsenzen zu Felde, bislang mit mäßigem Erfolg. Bis auf eine Schießerei auf der mittlerweile geschlossenen Präsenz des Bekleidungs-Herstellers „American Apparel” kann die Gruppe keine nennenswerten Aktionen verbuchen.

Fakt ist, dass in der realen Welt Krieg und Terror existiert, sollte man solch ein willkürliches Chaos aber auch virtuell zur Verfügung gestellt bekommen? In wie weit lassen sich Menschen beeinflussen und lenken? Die vergangene Zeit hat bewiesen, dass eine frenetische Manipulation von Menschenmassen zu bewältigen ist! Hier sind diese Handlungen eher als eine Art „virtuelles Training” zu sehen, was wäre dann aber folglich der nächste Schritt? Eventuell die Sprengung jeglicher Inseln in unserem realen Leben, welche Eigentum eines wirtschaftenden Unternehmens wie ABC sind?

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